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=Kränze=
auf das Grab
=einer theuren Angehörigen.=
[Illustration]
Triest.
Buchdruckerei von Colombo Coen.
[Illustration]
Ida Pfeiffer.
Ida Reyer, verehelichte Pfeiffer, wurde am 15. Oktober
1797 geboren, und ist somit wenige Tage über 61 Jahre alt geworden.
Gestorben ist sie am 28. Oktober d. J. früh um 1 Uhr, und obgleich
ihre Leiden sehr groß waren, so ist sie doch in den letzten Stunden
ihres Lebens frei von Schmerzen gewesen und ohne irgend eine
Athembeklemmung eingeschlummert.
Schon als Kind zeichnete sie sich durch großen Muth aus, wollte immer
nur Knabenkleidung tragen, was ihr der Vater auch gestattete, lernte
mit den Brüdern exerciren, und würde auch Violinspielen gelernt und
die Reitschule besucht haben, wenn der Tod des Vaters, den sie im 9.
Jahre ihres Lebens verlor, diesen Plänen nicht ein Ende gemacht hätte.
Schmerzen wußte sie immer sehr gut zu ertragen und zeigte nie eine
Anwandlung von Furcht, wenn es sich darum handelte, allein
im Finstern zu verweilen, ganz allein Todten in die Nähe zu gehen,
oder furchtlos Gefahren zu trotzen, vor denen viel ältere Kinder sich
zu sichern suchten. Ihre Willenskraft war außerordentlich stark und
ein gegebenes Versprechen hielt sie, wenn es auch die größten Opfer
kostete, selbst wenn es im Scherze gegeben war, oder man sie davon
lossprechen wollte. Mit Puppen spielte sie gar nie; sie hätte auch
keine je berührt; von weiblichen Arbeiten lernte sie, was sie eben
lernen mußte, betrieb aber alle anderen Studien mit Fleiß.
Am liebsten hätte sie mit den Brüdern das Gymnasium besucht und im Jahre 1813 in Männerkleidern die Feldzüge mitgemacht, wenn es durchzuführen gewesen wäre.
In jener Zeit hatte sie einen ganz besonders ausgesprochenen Haß
gegen die Feinde, mit denen Oesterreich sich im Kriege befand, und
die Mutter mußte fortwährend auf der Hut sein, um nicht compromittirt
zu werden, da Ida auf diese Leute am liebsten Steine geworfen hätte.
Als sie bei irgend einem Anlasse im Jahre 1809 Kaiser Napoleon
vorbeireiten sehen sollte, und die Mutter ihr nicht gestattete, sich
umzuwenden, schloß sie die Augen, während der Kaiser vorbeiritt, nur
um sich rühmen zu können, Napoleon nicht gesehen zu haben.
Hingegen hegte sie für den eigenen Landesherrn eine solche Verehrung, daß sie sich in ihren Jugendjahren eines eigenen Siegels bediente, auf welchem das Bild des verewigten Kaisers Franz eingegraben war, ein Siegel, welches in der Familie noch aufbewahrt wird. Schon als Mädchen hatte sie sehr geringe Bedürfnisse, besaß nie irgend einen Schmuck, nicht einmal ein Armband, verwendete aber alles Geld, das sie hin und wieder bekam, zur Unterstützung für Arme, was sie auch in späteren Jahren und als sie sich in beschränkteren Verhältnissen befand, nicht außer Acht ließ.
Anfangs des Jahres 1820 vermählte sie sich mit einem Advocaten aus Lemberg, der aber bald darauf nach Wien übersiedelte. Diese Ehe ließ Manches zu wünschen übrig. Vor 3 oder 4 Jahren wurde Ida Witwe. Die Erziehung ihrer zwei Söhne war größtentheils in ihre Hände gegeben, und sie unterzog sich derselben auch mit allem Eifer. Nachdem Ida Pfeiffer ihre Söhne versorgt hatte, entschloß sie sich, ihren Lieblingsplan, sich in der weiten Welt umzusehen, auszuführen. Ihre erste Reise unternahm sie im Jahre 1842, bei welcher Gelegenheit sie den Orient besuchte. Die Beschreibung dieser Reise machte in ihrer Schmucklosigkeit bedeutendes Glück, weil der Leser gleich herausfand, daß er es mit wirklichen Erlebnissen und wahrhaften Schilderungen zu thun habe. Die zweite Reise im Jahre 1845 ging nach dem hohen Norden. Durch ihre folgenden zwei Reisen um die Erde wurde sie überall bekannt und geehrt. Leider ließ sie sich nicht abhalten, die dritte Reise zu unternehmen. Obgleich sie bei ihrem ersten Besuche auf Madagaskar weiter ins Innere eingedrungen war, als je ein Europäer, so genügte ihr dies doch nicht, und sie setzte Alles daran, um diese terra incognita nach allen Richtungen zu durchforschen. Anfangs von der Königin freundlich aufgenommen, kam sie später in Verdacht revolutionärer Umtriebe, und nur der Fürbitte des Thronfolgers hatte sie es zu verdanken, daß sie mit dem Leben davon kam. Sie wurde aber als Gefangene an das Meeresufer transportirt. Der 53tägige Marsch und der öfter wochenlange Aufenthalt in den ungesundesten Gegenden unter stetem Mangel des Nothwendigsten zog ihr noch auf jener Insel eine Krankheit zu, von der sie sich trotz der sorgfältigsten Pflege auf Mauritius nicht mehr erholen konnte. Krank schiffte sie sich nach England ein, krank kam sie an, beeilte sich, ihre Heimath zu erreichen, mußte aber längere Zeit in Hamburg verweilen, da sich ihr Uebel verschlimmert.
Trotz der Bitten ihrer Freunde, bei ihnen zu bleiben, zog sie es vor, sich ins Spital bringen zu lassen, von wo aus sie an ihre Angehörigen Schreiben richtete, in denen sie ihre Zufriedenheit über die liebevolle Behandlung, die man ihr zu Theil werden ließ, nicht warm genug ausdrücken konnte. Kaum sich etwas besser fühlend, trat sie in Begleitung einer Freundin die Reise nach Breslau an, von wo sie sich nach Krakau begab. In der Nähe jener Stadt gedachte sie auf dem Landgute einer ihrer innigsten Freundinnen den Winter zuzubringen.
Im Buche des Schicksales war es aber anders beschlossen. Dem Drängen ihrer Angehörigen nachgebend, reiste sie in Begleitung einer Schwägerin in ihre Heimatsstadt Wien, wo sie bereits sehr leidend ankam. Hoffnung auf Herstellung war keine mehr, sie trug den Keim des Todes bereits in sich. Die liebevollste Behandlung von Seite ihrer Angehörigen und der befreundeten Aerzte konnte ihr Leben kaum mehr um Tage verlängern. -- Die Verewigte war eine edle Seele, sie blieb sich stets gleich, und zeigte sich bis zu ihren letzten Augenblicken als die besorgteste und liebevollste Mutter. Im geselligen Umgange entfaltete sie die anziehendsten Eigenschaften und wußte durch ihren Vortrag die Gesellschaft auf das angenehmste zu fesseln.
(Triester Zeitung.)
Die Wege des Schicksals sind wunderbar in ihren Widersprüchen. Auf
der kurzen Fahrt von Hamburg nach New-York, einem Wasserwege, so
bequem und geläufig und beinahe so sicher wie eine Eisenbahnfahrt
von Wien nach Paris, auf einem Schiffe, das mit all' dem Comfort,
mit all' den reichen Hilfsmitteln ausgerüstet war, durch welche die
Transportdampfer des modernen Europa einander überbieten, verloren
jüngstens vierhundert Reisende in furchtbarer Weise ihr Leben,
Menschen, von denen die Hälfte zum ersten Male auf der See sich befand
und von denen das Schicksal auf dieser ersten Reise alsogleich den
furchtbarsten Tribut einforderte, während ein schwaches Weib, das zwei
bis drei Mal die Welt umsegelt hat, unter den Wilden Amerika's und
Afrika's, unter den glühenden und eisigen Zonen beider Hemisphären
den unsäglichsten Gefahren, der Wuth der Menschen und der Elemente
sich aussetzte, das Glück genießt, in ihrer Heimath, auf dem ruhigen
Krankenbette, von Freunden und Bekannten umgeben, ihr Leben gleich
einem gewöhnlichen Menschen auszuhauchen! Ida Pfeiffer hatte
die Seele eines Soldaten. Wäre sie ein Mann gewesen, so hätte die
Kriegsgeschichte von ihrem unbeugsamen Muth und ihren unerschrockenen
Thaten berichtet. Auch dieses ist ein wunderbares Spiel des
Schicksals, daß eine solche energische, unternehmungslustige, kühne
Seele einem Weibe eingehaucht wurde, wo sie, gefesselt von tausend
Verhältnissen, nicht jene Blüthen und Resultate bringen konnte, die
bei einem Manne befruchtenden Saamen nach allen Seiten hin ausgestreut
hätte.
Ida Pfeiffer ist wie ein Soldat an den Wunden gestorben.
Ihre letzte Reise hat die Gesundheit der geschwächten Frau hart
angegriffen. Das Klima von Madagaskar hatte sie dort auf das
Krankenlager geworfen, wie sie dies selber in der Ost-Deutschen Post
in einem Briefe geschildert hat. Unter steter Gefahr, von der gegen
die Christen und Europäer fanatisirten Königin aufgegriffen zu werden,
war ihr Krankenlager ein in vielfacher Beziehung furchtbares. Sie hat
sich von jener Prüfung ihrer geistigen und physischen Kräfte nicht
erholen können. Siech und gebrochen betrat sie im Anfange dieses
Jahres in Hamburg den deutschen Boden, schleppte sich nach kurzer
Rast in ihre Heimath und heute kömmt uns die Nachricht ihres Todes
zu. Wir beeilen uns, den ersten grünen Kranz auf ihr Grab zu werfen.
Die Frau hat in ihrem Vaterlande die Anerkennung nicht gefunden,
die ihr gebührte; ihre persönliche Erscheinung war nicht anziehend
und brillant genug, um ihr die Bahnen der Popularität zu ebnen, um
ihr die Theilnahme der Salons zu erwerben, die für die Minauderien
einer koketten Schauspielerin im Feuer der Begeisterung entflammen.
Die Wissenschaft sah mit stolzer Vornehmheit auf die schwache
Dilettantin, die ihr Leben für die Selbstanschauung von Ländern und
Menschen einsetzte, welche in der warmen Studierstube viel bequemer
und umfassender erforscht werden können -- nachdem Andere ihre Haut
dafür zu Markte getragen haben. Aber Alexander v. Humboldt wußte diese
tapfere Seele besser zu würdigen und die Berliner Gelehrten-Vereine
widmeten ihr Aufmerksamkeit und Ehrenbezeigungen. Die österreichische
Wissenschaft hat keinen Verlust an ihr erlitten, aber das
österreichische Volksthum hat an dem Charakter der Hingeschiedenen
eines seiner seltensten Exemplare verloren, einen Charakter
voll Energie, Ausdauer, Sobrietät, voll unbeugsamen Festhaltens
an einem Zwecke; einen Charakter, der das körperliche Wohlergehen
dem geistigen Streben ohne Schwanken zum Opfer bringt. Hätten wir
viele Männer von dem Schlage dieses Weibes, so würde
Oesterreich bald an der Spitze der Nationen stehen.
(Ost-Deutsche Post.)
Carolus.
Der
hingeschiedenen Freundin Ida Pfeiffer.
Mir ist so rührend, Dich zu sehen, Die Ruhelose, ruhig, stumm! Du magst nicht durch die Welt mehr gehen, Und Deine Pilgerzeit ist um.
Nur einen Gang noch! in die Erde,
Die dreimal Du umwandert hast,
Bis Du zum häuslich frommen Heerde
Zurückgekehrt, zur letzten Rast.
Ich will nicht hören jener Schollen Entsetzenvollen, dumpfen Klang, Die auf den Sarg Dir niederrollen, Mein letzt Geleite sei -- Gesang.
Sie preisen Dich, Dein kühnes Wesen,
Das weit in alle Welt gestrebt;
Was wir mit Grau'n in Büchern lesen,
Du hast's, ein schwaches Weib, erlebt!
Doch hast Du nicht, wie Frauen pflegen, Wenn sie phantast'scher Sinn umrauscht, Um weiblich Thun, um stillen Segen Des Ruhmes Kranz Dir eingetauscht.
Du übtest fromm des Hauses Pflichten, Hast Kinder liebewarm genährt, Dir galt als Ruhm nur, zu verrichten, Was jedes Weibes Leben ehrt.
Dann erst hast Du der Sehnsucht Schwingen Zum kühnen Fluge ausgespannt, Glanzvoll erfüllt Dein mächt'ges Ringen, Das Du so lang in Dir gebannt.
Wer Dich gekannt so, still bescheiden Und schüchtern Deine Art zu sein, Wer ahnte wohl, es wird aus beiden Erdhälften einst Bewund'rung Dein!
Nachrühmen sie den Bürgerinnen Der Stadt, die Deine Wiege ward, Daß sie mit leichtbewegten Sinnen Das Leben lieben, flücht'ger Art.
Du hast zur hold erregten Weise Gefügt des Strebens ernsten Geist, Gezeigt durch aller Erde Kreise, Was Muth vollbringt, was Leben heißt!
Du knietest nieder an dem Grabe, In welchem Dein Erlöser ruht, Dann mit geweihtem Pilgerstabe Hinzogst Du zu des Hekla Glut.
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